Verena Gygax: Wie möchten Sie gerne etwas naeher kennen lernen. Wer ist Gaby Schulemann-Maier ?
Gaby Schulemann-Maier: Ich wurde im Jahr 1972 in Deutschland geboren und habe seitdem immer in diesem Land gelebt. Nach der Schule habe ich Physik studiert und bin später Wissenschafts-Journalistin geworden. Heute arbeite ich noch immer in diesem Bereich, auch über medizinische Themen schreibe ich. Darüber hinaus bin ich festes Redaktionsmitglied bei einer deutschen Wellensittich- und Papageien-Zeitschrift (WP-Magazin)..
Verena Gygax: Weshalb haben Sie Sich eines Tages entschlossen, mit den Wellis Bekanntschaft zu schliessen? Und wie wurden sie zu einem unabdingbaren Bestandteil Ihres Lebens ?
Gaby Schulemann-Maier: Als junges Mädchen hatte ich eine Katze, die ich sehr geliebt habe. Doch leider habe ich eine Allergie gegen ihre Haare entwickelt, weshalb Kessy weggegeben werden musste. Damals war ich erst fünf Jahre alt und meine Eltern wussten, wie traurig ich ohne ein Haustier sein würde. So kam es, dass ich erstmals Bekanntschaft mit Wellensittichen machte, denn gegen diese Tiere bin ich zum Glück nicht allergisch. Seit damals bedeuten mir diese Vögel sehr viel und ich habe bis auf eine kurze Unterbrechung (einige Monate) während des Studiums immer Wellensittiche gehalten.
Verena Gygax: Birds-online ist inhaltlich unübertreffbar. Wie kam es zur Gründung dieses Forums und wie hat sich diese Website im Laufe der Jahre entwickelt ? Wie kam es zu dem Namen ?
Gaby Schulemann-Maier: Im Jahr 1997 nach dem Abschluss meines Studiums habe ich meine Arbeit als Journalistin aufgenommen. Damals war das Internet noch recht neu, ich hatte es aber schon an der Uni seit Jahren benutzt. Im Web gab es seinerzeit kaum vernünftige Informationen über Wellensittiche, und auch die Fachbücher haben mir größtenteils nicht gefallen. Deshalb habe ich beschlossen, selbst etwas im Internet über Wellensittiche zu veröffentlichen.
Den Namen habe ich gewählt, um mir alle Optionen offen zu halten: Einerseits hatte ich damals schon die Idee, eventuell irgendwann nicht nur deutsche, sondern auch englische Seiten anzubieten. Und ich wollte Informationen über andere Vogelarten einbauen können, falls sich dafür die Gelegenheit ergeben würde. Mir erschien "Birds Online" deshalb passender als beispielsweise "Budgies Online", worüber ich damals als Alternative nachgedacht hatte. Die Entscheidung war richtig, denn inzwischen gibt es auf meiner deutschen Seite einige Informationen über meine Katharinasittiche und Birds Online ist damit nicht mehr nur eine reine Wellensittich-Seite.
Verena Gygax: In unserer Website befinden sich 49 Übersetzungen aus der birds-online. Birds-online ist der Ort mit den meisten nützlichen Informationen bezüglich Wellis. Wie sind die Echos der Besucher Ihrer Website ? Haben Sie Plaene für Neues in der Website ?
Gaby Schulemann-Maier: Die meisten Besucher meiner Internet-Seite melden sich gar nicht erst bei mir, weil sie - wie ich hoffe - auf Birds Online die gesuchten Informationen auch tatsächlich finden. Diejenigen, die sich bei mir melden, haben oft sehr spezielle Fragen zur Gesundheit oder zum Verhalten ihrer Vögel. Ein großer Teil dieser Menschen äußert sich positiv über mein Internet-Projekt. Sehr selten gibt es auch negative Stimmen. So hat sich beispielsweise jemand über das Maskottchen Nellie beschwert, das er für zu unseriös hält. Grundsätzlich bin ich für konstruktive Kritik immer offen, um die Seite für Nutzer noch besser zu gestalten.
Natürlich gibt es immer Pläne für Neues. Ich versuche durch die Auswertung der Suchprotokolle und der Fragen, die mich per E-Mail erreichen, neue Themen aufzuspüren. Als zum Beispiel vor einiger Zeit die Futterpflanze Golliwoog plötzlich im deutschen Zoofachhandel aufgetaucht ist, häuften sich kurz darauf die Suchanfragen zu dieser Futterpflanze. Deshalb habe ich seinerzeit ein Kapitel über Golliwoog veröffentlicht.
Verena Gygax: Momentan besitzen Sie 18 Wellis. Wie pflegen Sie Ihre Vögel (Fütterung, Saubermachen, Futtereinkauf) ? Was sind die Schwierigkeitern der Haltung von mehreren Tieren? Haben Sie trotzdem die Möglichkeit, Ferien zu machen ?
Gaby Schulemann-Maier: Meine Tiere erhalten von mir so viel Aufmerksamkeit wie möglich, was bei meinem stressigen Beruf manchmal schwer ist. Trotzdem gebe ich mir Mühe, sie
nicht zu vernachlässigen. Futter bestelle ich meist bei spezialisierten Online-Händlern, weil das besonders einfach ist und weil die Ware qualitativ hochwertig ist. Da ich selbst wegen meiner Allergien fast nur Bio-Lebensmittel zu mir nehme, erhalten auch die Vögel Bio-Frischkost. Und im Sommer sammle ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit draußen frische Futterpflanzen wie Gräser oder Vogelmiere. Gereinigt wird täglich, jeden Tag ist im Wechsel ein anderer Bereich des Vogelzimmers dran.
Die Schwierigkeit bei der Haltung mehrerer Tiere besteht darin, den Blick für jeden einzelnen Vogel nicht zu verlieren. Es gibt immer Tiere, die eher zurückhalten sind. Ich versuche sie trotzdem so genau zu beobachten wie die anderen Artgenossen, damit mir Verhaltensänderungen sofort auffallen. Diese könnten auf Krankheiten hindeuten, deshalb ist es so wichtig, kein Tier zu vernachlässigen. Natürlich kommt es in einer großen Gruppe von Vögeln mitunter zu Streitigkeiten, da muss ich dann besonders aufpassen. Einmal musste ich einen Wellensittich sogar zu seiner eigenen Sicherheit vorübergehend einige Monate bei einer Freundin unterbringen, weil er sich ständig mit einem Artgenossen gestritten hat und mehrfach blutig gehackt worden ist. Zum Glück kommt so etwas selten vor.
Verreisen kann ich leider nur selten, was jedoch nicht an meinen Vögeln liegt, sondern daran, dass ich im Beruf stark eingespannt bin. Wenn ich verreise, dann pflegen einige Freunde meine Tiere. Die Sittiche werden dann entweder bei meinen Freunden in deren Vogelzimmern untergebracht oder es kommt ein Pfleger zu mir nach Hause, der ein- bis zweimal am Tag im Zimmer meiner Sittiche nach dem Rechten sieht.
Verena Gygax: Möchten Sie mit uns ein unvergessliches Erlebnis mit Ihren Wellis teilen ?
Gaby Schulemann-Maier: Es gibt so viele schöne und unvergessliche Momente, dass ich ganze Bücher darüber schreiben könnte! Für mich ist es immer wieder schön zu sehen, wie Tiere, die aus schlechten Bedingungen gerettet worden sind, im Vogelschwarm aufblühen und unter ihren Artgenossen ihre große Liebe finden. Wenn sich ein verstörtes Tier in einen stolzen, fröhlichen und unbeschwerten Vogel verwandelt, ist das etwas ganz Wunderbares. Ein Beispiel hierfür ist mein Vogel Milla. Sie war sehr verstört und hat in meinem Vogelzimmer ihre große Liebe gefunden - den einäugigen Ravi. Er hat selbst Schlimmes durchgemacht und musste Anfang dieses Jahres nach seiner Rettung notoperiert werden. Zwar konnte sein linkes Auge nicht gerettet werden, aber trotz seiner körperlichen Einschränkung ist er sehr glücklich. Die Zuneigung seiner Partnerin Milla macht sein Leben glaube ich noch ein bisschen schöner.
Verena Gygax: Was, glauben Sie, braucht ein Wellensittich, um glücklich zu sein? Was möchten Sie Haltern von Wellensittichen empehlen?
Gaby Schulemann-Maier: Ein Wellensittich braucht immer mindestens einen anderen Wellensittich, um glücklich zu sein. Aber auch eine ausgewogene Ernährung und eine aufmerksame Pflege durch den Halter sind wichtig, denn ein Vogel, der krank ist und der Schmerzen hat, der ist trotz eines gefiederten Partners sicher nicht glücklich.
Haltern von Wellensittichen möchte ich unbedingt ans Herz legen, sich über die Bedürfnisse der Vögel gründlich zu informieren und die Tiere nicht einzeln zu halten. Paarhaltung ist das Minimum, ein kleiner Schwarm von vier bis sechs Vögeln bringt richtig viel Abwechslung - nicht nur für die Tiere!
Verena Gygax: Es gibt immer noch viele Leute, die einen einzelnen Wellensittich im Kaefig halten. Im Gegenteil dazu pflegen Sie ihre Vögel freifliegend in einen extra Raum. Was sind Ihrer Meinung nach die Mindestanforderungen für die Pflege von Wellensittichen ?
Gaby Schulemann-Maier: Ein Vogelzimmer, wie ich es habe, können sicher nicht alle Vogelhalter ihren Tieren bieten. Dass ich ein solches Zimmer habe, liegt vor allem daran, dass
einige meiner Tiere gehandicapt sind und im normalen Wohnumfeld verunglücken würden. Um Vögel tiergerecht und möglichst gut zu halten, sollten die Tiere in einem geräumigen Käfig oder noch besser in einer Voliere untergebracht werden und täglich einige Stunden Freiflug haben, sofern sie nicht im Garten untergebracht sind. Leider sind viele Volieren, die im Garten aufgestellt werden, viel zu klein. Dann können die Tiere nicht fliegen und werden auf die Dauer dick und krank. Eine Voliere, in der Vögel fliegen können, muss mindestens zwei Meter lang oder breit sein. Wer eine so große Voliere nicht aufstellen kann, sollte seine Tiere an anderer Stelle, also beispielsweise im Haus, regelmäßig frei fliegen lassen.
Verena Gygax: In der Türkei gibt es keine Wellensittich-Schauen, es existiert auch kein spezieller Klub für Wellis. Wie ist es in Deutschland ? Sind Sie auch Mitglied eines Vereins? Nehmen Sie auch an Schauen oder Wettbewerben teil ? Was ist Ihre Meinung über die Haltung und Zucht von Wellensittichen, nur speziell auf Schauen ausgerichtet.
Gaby Schulemann-Maier: Hier in Deutschland gibt es mehrere Vereine von Züchtern, aber auch Vogelliebhaber-Vereine, denen es nicht um die Zucht, sondern um das Wohl der Tiere geht. Letzteres finde ich sehr gut. Trotzdem bin ich selbst kein Mitglied in einem Verein, ich arbeite stattdessen mit einer Gruppe von Vogelfreunden im Projekt "Welli.net" zusammen. Auch beim Katharinasittichnetzwerk bin ich aktiv, ebenso in einer kleinen Gruppe von Leuten, die die Seite Wildvogelhilfe.org bereitstellt.
Zur Zucht von Vögeln speziell für Ausstellungen und Schauen habe ich eine zugegebenermaßen ausgesprochen ablehnende Haltung. Sicher sind nicht alle Züchter gleich, aber in der Vergangenheit habe ich sehr schlechte Erfahrungen mit teils lieblosen und teils regelrecht verantwortungslosen Züchtern gemacht. Wenn ein Vogel ihrem "Schönheitsideal" nicht entspricht, wird er aussortiert. Solchen "Müll" habe ich in meinem Vogelzimmer, es gab schon Tiere, die nicht ins Ideal passten und deshalb getötet werden sollten oder als Schlangenfutter enden sollten. Ich finde es abscheulich, einen Wellensittich oder ein anderes Lebewesen allein nach seinen äußeren Merkmalen zu beurteilen und nicht sein wunderbares Wesen, seinen Charakter wahrzunehmen. Mir ist es egal, ob meine Vögel grün, gelb, türkis, blau oder weiß sind. Gesund und munter sollen sie sein, das ist das Wichtigste. Die Denkweise vieler Züchter, für die nur die äußere Form ihrer Tiere zählt, kann ich nicht nachvollziehen.
Verena Gygax: Ein Problem für die Wellensittichhalter in der Türkei ist die Tatsache, dass die meisten Tieraerzte für Nutztiere oder Hunde und Katzen ausgebildet sind. Einen guten Tierarzt für unsere befiederten Freunde ist dagegen relativ schwer zu finden. Wie steht es damit in Deutschland ?
Gaby Schulemann-Maier: Hier ist die Lage sicherlich besser als in der Türkei, allerdings ist sie leider nicht ideal. Es gibt einige Städte und Regionen, in denen es keine Vogel-Fachtierärzte gibt und die Tierhalter haben entsprechend große Probleme, wenn ihre Vögel krank sind. Ich selbst habe bis vor etwas mehr als einem Jahr in einem Ballungsraum (Ruhrgebiet) gelebt, in dem zwar Millionen Menschen leben, aber einen Vogel-Fachtierarzt gibt es dort nicht. Damals bin ich immer bis nach Düsseldorf gefahren, was nur 40 Kilometer entfernt ist, aber es zeigt, dass in Deutschland selbst in Ballungsräumen nicht unbedingt gute Tierärzte für Vögel zu finden sind. Einige Vogelhalter hierzulande fahren deshalb 200 bis 300 Kilometer weit. Das lohnt sich meist, denn die normalen Kleintierärzte, die es überall gibt, sind häufig nicht dazu in der Lage, kranken Vögeln zu helfen.
Verena Gygax: Der Drang des Menschen, Schönes zu besitzen, hat dazugeführt, dass der ehemals die weiten Steppen Australiens bewohnende Wellensittich heute in den Stuben auf der ganzen Welt zu finden ist. Was denken Sie zur Tatsache, dass ein freifliegender Vogel gezaehmt wurde und in Wohnungen gehalten wird?
Gaby Schulemann-Maier: Da ich mich in meiner Freizeit auch für Tier- und Naturschutz einsetze, sehe ich Vögel am liebsten in ihrem natürlichen Lebensraum. Ich finde es schlimm, wenn domestizierte Vögel in winzige Käfige gesperrt und einzeln gehalten werden. Wenn sie schlecht ernährt werden und nicht fliegen dürfen. Würden alle Menschen ihre Tiere so halten, wäre es für die Vögel sicher besser, wenn die Heimtierhaltung verboten würde. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es durchaus möglich ist, mit viel Mühe eine schöne und vor allem tiergerechte Umgebung für seine Tiere zu schaffen. Der Wellensittich ist längst domestiziert und wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Also denke ich, wir sollten das Beste aus der Situation machen und unseren gefiederten Freunden die bestmöglichen Bedingungen bieten.
Verena Gygax: Haben Sie ausser Wellensittichern noch andere Interessen ? Können Sie uns etwas über Ihre weiteren Veröffentlichungen, Beitraege und Websites inormieren ? Halten Sie auch noch weitere Tiere ?
Gaby Schulemann-Maier: Ich hatte ja bereits angedeutet, dass mich der Natur- und Artenschutz interessiert. Deshalb setze ich mich mit einigen Freunden und Bekannten für Wildvögel ein. Wir bieten ein Projekt im Internet an, das Leuten Hilfestellungen leistet, die zum Beispiel eine Amsel mit Flügelbruch, ein Rotkehlchen mit Gehirnerschütterung oder aus dem Nest gefallene junge Meisen gefunden haben (http://www.wildvogelhilfe.org).
Außerdem reise ich sehr gern (wenn mich mein Chef lässt ;-)) und fotografiere unterwegs die Natur. Im Internet gibt es eine ganze Reihe von Fotos, die ich auf Reisen angefertigt habe. Leider sind meine Bilder aus der Türkei nicht gut geworden, ich war vor Jahren mal in der Nähe von Çeşcme und möchte in Zukunft auf alle Fälle mindestens noch einmal in die Türkei reisen. Ich finde die Natur dort überwältigend schön und es gibt viele Naturschutzgebiete, die ich mir gern ansehen möchte. Doch ich fotografiere auch hier zu Hause die Natur und stelle die Tier- und Pflanzenwelt aus meiner Heimat den Menschen vor. Viele Leute sind so sehr von der Natur entfremdet, dass sie sich nicht einmal mehr an einem schönen Schmetterling oder an einem singenden Wildvogel erfreuen können. Das finde ich schade, deshalb möchte ich den Menschen die Wunder direkt vor unserer Haustür und auch in der Ferne zeigen. Meine Natur- und Reisefotos gibt es unter http://www.fotoreiseberichte.de.
Weitere Veröffentlichungen von mir in Zeitschriften und Zeitungen gibt es sehr viele, was daran liegt, dass ich als Journalistin arbeite. Für Wellensittichfreunde dürfte das WP-Magazin interessant sein. Für diese Fachzeitschrift (http://www.wp-magazin.de) zu schreiben, macht mir sehr großen Spaß.